Grossvater
«Grossvater» ist der Blick auf geschichtliche Ereignisse, die weit zurück liegen, aber in den Gedanken der Betroffenen und derer Nachkommen unvermindert nachwirken, und aus denen neue traurige Ereignisse entspringen können.
Die Künstlerin wurde als kleines Kind mit einem solchen Ereignis unerwartet konfrontiert. Bis heute blieben ihr die Worte ihrer damals besten Freundin im Gedächtnis verankert: «Dein Grossvater hat meinen Grossvater umgebracht». Natürlich war diese Aussage rhetorisch. Trotzdem führte sie zu vielen Fragen und zur heutigen Erkenntnis, dass Ver-söhnung nur mit der kritischen Auseinandersetzung der Geschichte und der Positionen des Gegenübers möglich ist. Ein Perspektivenwechsel. Ohne seinen eigenen Standpunkt zu verlieren und trotzdem andere Ansichten zuzulassen, sodass im Idealfall eine Neupositionierung möglich ist, ohne neue Konflikte aufflammen zu lassen. Also eine Versöhnung mit der Wirklichkeit und den Widersprüchen dieser Welt, wie es der Philosoph Friedrich Hegel sinngemäss festhielt.
Gerade die Kunst ist eine grosse Bühne für kritisches Hinterfragen, Themen aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten und neue Positionen zuzulassen. Eine Art der Versöhnung?
Fine Art Print auf Hahnemühle Photo rag bright white auf Dibond, 30x45 cm
ChromaLuxe Aluminium, 13X19 cm
Andá
Für die Publikation von ArteSOAZZA - dem Kunstereignis im Misox - hat Serap Vitarelli das Dorf Soazza aus ihrem Blickwinkel betrachtet. Entstanden ist eine Fotostrecke, die von einem Essay von Catrina Sonderegger begleitet wird.
Andá - ein Essay von Catrina Sonderegger
«Andá» ist eine poetische Erzählung, ein leises Raunen, das uns an unsere eigene Vergänglichkeit erinnert, eine visuelle Meditation über Raum, Zeit und die flüchtige Natur des Erinnerns, ein Einbruch des Rätselhaften in die Alltäglichkeit. Jedes Bild ist sorgfältig komponiert. Der enge Bildausschnitt zwingt uns näher heran. «Andá» ist eine poetische Erzählung, ein leises Raunen, das uns an unsere eigene Vergänglichkeit erinnert, eine visuelle Meditation über Raum, Zeit und die flüchtige Natur des Erinnerns, ein Einbruch des Rätselhaften in die Alltäglichkeit. Jedes Bild ist sorgfältig komponiert. Der enge Bildausschnitt zwingt uns näher heran.
Gezielt leiten Negativräume und Überlagerungen den Blick durch karge Landschaften, in denen Schatten und Licht um Aufmerksamkeit ringen. An den krustigen Mauern klebt die Zeit. Form und Struktur umarmen Verfall. In den Ecken lauern Schatten. Die Farben, verblasst und gefangen in den Fäden der Vergangenheit. Dunkle Winkel, helle Fluchten und gestaffelte Ebenen schaffen visuelle Hierarchien. Strenge Linien und klare Kanten kontrastieren die weichen Formen des Himmels. Die spröden Fassaden, die verwinkelten Gassen und die verlassenen Häuser in diesem Tal sind stille Zeugen vergangener Tage, wobei sich Vertrautes zu Unbestimmtem wandelt und verborgen bleibt. Auf der Suche nach Bedeutung und den Lücken der Zeit zeigen diese Fotografien, wie bestehende Eindrücke unser individuelles und kollektives Gedächtnis beeinflussen. Sie fragen danach, wer wir wären, wenn wir nicht täglich durch uns selbst und andere an uns erinnert würden.
Ein gewählter Ausschnitt ist niemals objektiv; er spiegelt stets nur eine von vielen Wahrnehmungsweisen wider und ist Teil eines kreativen Prozesses. Wie in einem Bühnenstück interagieren die Elemente miteinander und schaffen eine verdichtete Nachahmung der Realität. In amorphen, fleckigen und gerasterten Schwarz-Weiss-Strukturen zeigt sich das ’Nichts’, während es zeitgleich alles öffnet. Diese duale Erfahrung von Leere und Fülle ist zentral in den fotografischen Arbeiten der Künstlerin. Immer wieder reflektieren ihre Arbeiten die komplexen Mechanismen von Erinnerung und Identität, die eng mit der Trennung von der Gegenwart verbunden ist und gleichzeitig ein Bindeglied zwischen diesen beiden Zuständen darstellt. Diese unterschiedlichen Perspektiven verdeutlichen, dass das Vergessen oft eine notwendige Strategie ist, um mit der Komplexität und dem Schmerz der Vergangenheit umzugehen, während das Erinnern als Akt der Reclamation und der Wiederaneignung unserer Identität dient.
Auch der Begriff "andá/anda" offenbart in diesem Kontext ein faszinierendes sprachliches Phänomen der Erinnerung. Ursprünglich beschreibt "andá" die Art und Weise, wie Menschen sich fortbewegen oder gehen. Im Misox und in Teilen der italienischsprachigen Schweiz wird der Begriff, in der Schreibweise "anda", jedoch häufig im familiären Kontext verwendet, um Verwandtschaftsbeziehungen wie Tante zu kennzeichnen. Die Familie als kleinste gesellschaftliche Einheit bewahrt Werte und Bräuche über Generationen und bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Nähe und Distanz sowie Tradition und Individualität. In einer Welt, in der Wegzug alltäglich ist, wird diese Bewegung zum Symbol für die Suche nach Identität und Zugehörigkeit. Die Vielschichtigkeit des Begriffs "andá/anda" verdeutlicht, dass Sprache Identität ist und dass Bewegung sowie Gemeinschaft eng mit Erinnerung verwoben sind. Die Frage nach unserer Zugehörigkeit wird durch den ständigen Wandel der Lebensumstände und der Zeit, die uns voranschreitet, geprägt. Genau wie Bilder sind Erinnerungen nie isoliert oder statisch, sie werden kulturell konstituiert und stehen immer in einem Kontext, der uns Sinn und Kohärenz verleiht. Auch wenn vielleicht alles ganz anders war. Erinnern ist Wahrnehmen und vertieftes Selbstverständnis. So wird auch die leer stehende Bank zum Spiegel unserer Innenwelt, in welcher Erinnerung, Wahrnehmung und Assoziation in einem beständigen Dialog miteinander stehen.
Looking for Chantal
Verwunschene Orte und verlassene Häuser regen zum Ausdenken von Geschichten und möglichen Handlungen im Leben Anderer an. «Looking for Chantal» ist die Darstellung von Szenen aus dem Leben einer Person, die sich bedingungslos ihrer Leidenschaft hingibt und sich in ihr verliert. Die inszenierten Fotografien von Serap Vitarelli führen die Betrachtenden in ein erfundenes Leben aus einer anderen Zeit. Zwischen Raum, Person und Ort entsteht eine Zwischenrealität. «Looking for Chantal» ist eine Hommage an die Medienkünstlerin Chantal Michel, die ihre Leidenschaft zum Lebenswerk macht, so wie einst der Gründer des Parks Seleger Moor.
Installation im Park Seleger Moor
Fotografien einer wartenden und suchenden Frau, interpretiert und inszeniert von Serap Vitarelli, sind an mehreren Fenstern des sogenannten Portugieser Hauses im Park angebracht. «Looking for Chantal» ist eine Hommage an die Medienkünstlerin Chantal Michel und an Menschen, die ihre Leidenschaft zum Lebenswerk machen.
Materialien
Fotografien auf Klebefolie, Spiegelbox aus MDF
Was bleibt
Was bleibt, ist die Erinnerung – aber nur vermeintlich, denn sie bleibt allein so lange, wie sie aufrechterhalten und weitergegeben wird. Mit der Zeit verwässert sie sich und löst sich auf. Während die Vergänglichkeit die Gegenwart erodiert, ist die Erinnerung die Brücke zur Vergangenheit.
Kurz vor dem Abriss der Buchdruckerei Thalwil und einer privaten Villa fotografierte Serap Vitarelli die verlassenen Räume dieser beiden historischen Gebäude. Zunächst fasziniert vom Boden, der durch seine Spuren greifbare Überreste der Geschichte in die Gegenwart lieferte, wanderte die Künstlerin schliesslich Stunden durch die Häuser und hielt alles fest. Ähnlich, wie es einst der Fotograf Eugène Atget (1857 – 1927) in Paris tat, versuchte Serap Vitarelli, die Aura dieser verlassenen Räume als stille Zeugin der Zeit einzufangen. Der deutsche Philosoph und Kulturkritiker, Walter Benjamin definiert die Aura als einzigartige Präsenz, die durch die Einbettung in Raum und Zeit bestimmt wird. Benjamin nutzt Eugène Atgets Werk als herausragendes Beispiel dafür, wie die Fotografie das Objekt von seiner Aura befreien und dennoch eine besondere Atmosphäre und Tiefe bewahren kann.
Auch Serap Vitarellis Fotografien sind ungeschönte Darstellungen der Vergangenheit, nüchtern, klar, frei von romantischer Verklärung, gleichzeitig besitzen sie eine tiefere, fast metaphysische Dimension. Die Künstlerin hinterfragt die Wahrnehmung einer Umgebung. Schliesslich wird unsere Wahrnehmung aktiv durch das Gehirn, basierend auf unseren sozialen Erfahrungen und Erwartungen, konstruiert. Ist die Aura eines Objektes somit für jeden sichtbar? Und was bleibt von der Vergangenheit, wenn wir die Aura vom Objekt trennen und sie in einer Fotografie festhalten? Sehr wahrscheinlich die Schönheit des Vergänglichen…
«Villa Dr. Maier»
Die Linde ist geblieben.
Das Geheimnis lag überall. Es wird bleiben.
Andenken sind geblieben. Sie werden nicht bleiben.
Die Vergänglichkeit ist geblieben. Sie wird bleiben.
«Buchdruckerei Thalwil»
Die Zeder ist geblieben.
Der Unmut machte sich breit. Er wird nicht bleiben.
Relikte sind geblieben. Sie werden nicht bleiben.
Die Veränderung ist geblieben. Sie wird bleiben.
Mutter - was bleibt?
In ihrer Arbeit stellt Serap Vitarelli den Granatapfel ins Zentrum der Auseinandersetzung von Mensch und Natur. In einer Video Performance zerlegt die Künstlerin einen Granatapfel und lässt ihn im Schnee liegen. Die Interpretationsmöglichkeiten des Videos sind so zahlreich wie die Kerne eines Granatapfels. Doch was bleibt zurück von der Intervention? Der Mensch geht nicht nur mit der Natur rücksichtslos um, sondern auch mit sich selbst. Auseinandersetzungen führen zu roher Gewalt, Repressionen und Unterdrückung. Im kollektiven Bewusstsein verlieren Respekt und Demut an Kraft und an Bedeutung. Wird jemals eine Versöhnung möglich sein?
Mit dem Granatapfel verbindet Serap Vitarelli einerseits die Mutter Natur und andererseits ist die Frucht namensgebend für das türkische Märchen «Nartanesi», das die Arbeit der Künstlerin beeinflusst. Im Märchen stellt eine alte, von Feen umgebene Mutter den egozentrischen Sohn eines Sultans auf die Probe. Sie öffnet ihm dadurch die Augen für Respekt und Demut, sodass es zur Versöhnung kommt.
Installation im Seleger Moor
11 Videostills 17 x 30 cm, Chromaluxe Druck auf Aluminium, Mettalstangen
Video
Einkanal-Video, Ton, 2.06 min. Musik: Snowflight von Andrew York, interpretiert von Kenan Vitarelli
Link zum Video https://youtu.be/ELZSv6UXC8s
Schau mich an - ART-PUBLIC Chur
«Auf Anfrage von Luciano Fasciati hat sich die Fotografin für diese Publikation mit den zehn Werken im öffentlichen Raum von Chur beschäftigt, die zwischen 2012 und 2021 im Rahmen der ortsspezifischen Aus stellungen des Vereins ART-PUBLIC Chur heute noch anzutreffen sind. Ausgangspunkt für die Fotostrecke mit dem Titel Schau mich an waren nicht nur die Kunstwerke, sondern auch die schriftliche und bildliche Dokumentation der Ausstellungen. Auf visueller Ebene prägte bis anhin der Fotograf Ralph Feiner (*1961) diese Bilder und unseren Blick auf die Kunst. Feiners dokumentarischen Ansatz hat Vitarelli in ihrer Fotostrecke anhand der Kunstfigur um die Komponenten des Betrachtens und Interagierens erweitert und damit neue Situationen geschaffen.»
von Seraina Peer (Auszug aus dem Einführungstext zur Fotostrecke)
Finde mich
Verloren in Rollenbildern und den Erwartungen, die ich an mich selbst stelle, geblendet von Stereotypen und Wunschvorstellungen, wie das ideale Ich aussehen sollte, mache ich mich auf die Suche. Die Fotokamera als Zeugin meiner Wahrnehmung stelle ich meine Rollenbilder graphisch und skulptural in den Raum. Ich integriere mich in meine Umgebung und gehe in ihr auf.























































































